Home Sport Sport vs. Natur: Wie groß darf der 1. FC Köln werden?

Sport vs. Natur: Wie groß darf der 1. FC Köln werden?

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Nein, allzu malerisch wirkt die Gleueler Wiese nicht. Die Maulwürfe haben ihre Hügel und die Schafe ihren Kot hinterlassen. Ziemlich uneben ist sie obendrein. Und dann hört man auch noch die Autos von der angrenzenden Straße. Bei Hunden allerdings ist die 600 Meter lange Fläche als Rennstrecke recht gefragt.

Schon mit dieser Beschreibung steckt man tief in einem erbitterten Streit, der die Kölner Stadtgesellschaft umtreibt. Denn in der Nähe der Wiese liegen Vereinsheim, Trainingsplätze und ein kleines Zweitstadion des 1. FC Köln. Dessen Führung möchte unter anderem auf der Wiese drei weitere Trainingsplätze, ein Nachwuchsleistungszentrum und öffentliche Kleinspielfelder errichten – seit bald zwölf Jahren. 

Ein unendlicher Konflikt – weil ein Bundesligist wachsen will

Dagegen kämpfen indes Naturschutzverbände, die Bürgerinitiative „Grüngürtel für alle“ und die Grünen. Die Stadt Köln hatte die FC-Pläne 2020 zwar abgesegnet, doch gegen den Bebauungsplan prozessierten die Verteidiger der Wiese. Gerichte beschäftigen sich seit Jahren damit. Demnächst wird ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster (OVG) erwartet. Doch auch damit wird der Streit wohl nur in die nächste Runde gehen. Sowohl die FC-Entscheider als auch die Initiatoren des Bürgerprotests deuteten bereits an, im Fall einer Niederlage würden sie weiter prozessieren und zum Bundesverwaltungsgericht ziehen. Bis zu dessen Entscheid könnten erneut Jahre vergehen.

Dadurch dürfte der Streit zu den längsten Rechtskonflikten überhaupt rund um Expansionswünsche eines Bundesligisten avancieren – so, wie fast jeder Rechtsstreit und fast jede Baustelle in Köln Rekordlänge erreichen.

Ausbaupläne hier, Naturschutz da: Ähnliche Auseinandersetzungen lassen sich bundesweit bei vielen Profiklubs beobachten – von Freiburg über Leverkusen bis Berlin. Meist beharren beide Parteien auf ihrem Standpunkt und geben diesen als alternativlos aus – bis ein Gericht in letzter Instanz beweist, dass es eben doch Alternativen gibt. Weder stirbt, wie Ausbau-Gegner befürchten, das Ökosystem, noch stürzt, wie Sportfreunde prophezeien, der Fußballklub in die Bedeutungslosigkeit. Doch diese Erkenntnis beherzigen die Streitparteien in Köln (noch) nicht. Offenbar sind sie von ihren eigenen Argumenten allzu überzeugt. Und die Naturschützer haben in solchen Konflikten meist auch keine Eile.

Bayern München und Bayer Leverkusen als Vorbilder

Friedmund Skorzenski zum Beispiel, der Kopf der Bürgerinitiative, schwärmt gegenüber WELT vom ökologischen Reichtum der Gleueler Wiese, die zum bekannten Kölner Grüngürtel gehört. Der besteht aus Wiesen, Wäldern und Weihern, die sich in zwei riesigen Halbkreisen mit etwa 920 Hektar um die Dom-Stadt erstrecken. Ab 1920 wurden sie vom damaligen Oberbürgermeister Konrad Adenauer angelegt – auch wenn der wohl noch nicht wusste, dass die Gleueler Wiese die Lufttemperatur im Umfeld um etwa zwei Grad senkt, wie Naturschützer ermittelten. Ihnen zufolge leben dort über 50 Vogelarten, zahlreiche vom Aussterben bedrohte Insektenarten, Igel, Hasen und Eichhörnchen.

Und Skorzenski hat auch eine persönliche Beziehung zur Wiese: Da der Rentner in der Nähe wohnt, spaziert er gerne in aller Frühe dorthin und genießt „die Weite, die Ruhe und den Morgendunst“, der über dem unberührten Boden aufsteige.

Bürgerinitiative, Naturschutzbund und Grüne beteuern seit Jahren, wie wichtig es für das Klima sei, diese Fläche nicht in versiegelte Kunstrasenplätze zu verwandeln. Der FC solle seine Trainingsplätze doch an einem anderen Standort bauen – auch wenn die Plätze dann ein paar Kilometer vom Vereinszentrum entfernt lägen. Die Naturschützer können auf andere Bundesligavereine wie den FC Bayern oder Bayer Leverkusen verweisen. Auch die haben ihre Anlagen auf mehrere Orte verteilt. Selbiges gilt für große Kölner Unternehmen wie Rewe. Deren Zentrale befindet sich in Köln ebenfalls an mehreren Standorten. Und nicht zu Unrecht warnt die Initiative ganz grundsätzlich, es würden „immer wieder Argumente gefunden, den Grüngürtel zu dezimieren“ – ob für die Bundeswehr, die Sporthochschule, ein Großklärwerk oder eben den FC. Da müsse man endlich „Stopp!“ rufen.

Steckt Egoismus hinter dem Naturschutz?

Im Vereinsheim des FC Köln sieht man das naturgemäß anders. Dort fragt man, ob es nicht egoistisch sei, wenn Anwohner der Gleueler Wiese diesen Raum für sich verteidigten, obwohl sie doch ohnehin schon am attraktiven Grüngürtel lebten. Es gebe auch andere Kölner, die sich über naturbelassene Wiesen freuen würden. Zum Beispiel im Westen der Stadt. Dort bot die FC-Führung an, als Kompensation für die Gleueler Wiese Ausgleichsflächen zu renaturieren. Dann kämen auch die Bewohner des Kölner Westens in den Genuss ausgebauter, grüner Erholungsbereiche (auch wenn diese, anders als die Gleueler Wiese, nicht unter Denkmalschutz stehen würden). Unterm Strich werde Köln durch die drei Trainingsplätze keinen Quadratmeter unversiegelten Naturbodens und Erholungsraums verlieren, versicherten die FC-Fürsprecher. Womit sie vor allem eins klarstellen: Alternativlos ist auch die Position der grünen Bewegung nicht.

Zudem: Wenn Trainingsmöglichkeiten nicht auf modernstem Stand seien, drohe der FC für junge Talente unattraktiver zu werden. Eine Zersplitterung auf mehrere Standorte innerhalb Kölns sei vielleicht machbar, aber umständlich und wenig anziehend. In der Konkurrenz mit anderen Bundesligavereinen sei Nachwuchsförderung nun mal enorm wichtig. Zwar gelten die Nachwuchszentren einiger Top-Vereine tatsächlich als noch hochwertiger. Aber abgehängt ist der FC im Ligavergleich wohl nicht. Laut Deutscher Fußball Liga (DFL) galt Kölns Talentförderung zumindest 2015 noch als hervorragend. Weil der FC im Rennen der Bundesligisten aber auch künftig mithalten will, drängt er auf einen Ausbau. Und dabei beweist er Flexibilität: Mit der Stadt verhandelte er bis Anfang 2024 sogar über einen vollständigen Umzug des Vereins an den Stadtrand, nach Marsdorf. Dieser Neubau aber hätte den verschuldeten FC rund 120 Millionen Euro gekostet. Als die Stadt signalisierte, dass auch ihr dafür das Geld fehle, gaben die FC-Oberen die Idee auf. 

Der eskalierende, emotionalisierte Konflikt

Zu dem Zeitpunkt fand der Verein bei den großen Parteien kaum Unterstützung. Die damalige Oberbürgermeisterin Henriette Reker zeigte dem FC ebenso die kalte Schulter wie Kölns CDU. Niemand schien dem Klub zur Seite zu stehen. Nicht für den Fall, dass ein Gericht den Bau genehmigen würde. Und erst recht nicht für den Fall, dass es ihn nicht genehmigen würde. Das hat sich seit Amtsantritt des neuen Stadtoberhaupts Ende 2025 geändert. Der sportbegeisterte OB Torsten Burmester (SPD), vormals Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, will die Trainingsplätze am Vereinsheim. Zwischenzeitlich aber fühlten sich der Klub und viele seiner Fans alleingelassen. Was den Konflikt emotionalisierte. 

So marschierten vor der Kommunalwahl 2025 Tausende FC-Fans am Rathaus auf. Und schimpften, Grüne und CDU wollten „unseren FC plattmachen“. Schon zuvor hatten Fans im Stadion ein Schmähplakat präsentiert, das die damalige Oberbürgermeisterin vulgär beleidigte. Die verletzte Reker wiederum erstattete Anzeige und wollte die vielfache Entschuldigung der FC-Führung nicht ohne Weiteres annehmen. Der Konflikt drohte gar ins Gewalttätige abzugleiten. Bei einem Umzug der Ausbau-Gegner erschienen plötzlich Dutzende FC-Ultras. Sie störten und bedrohten die Naturschützer, bis ein Polizeiaufgebot sie abdrängte. Im Gegenzug drohten Kommunalpolitiker dem FC und seinen Fans, weil diese viel zu oft Pyrotechnik abbrannten. Das hatte hohe Geldstrafen für den Verein zur Folge (in der letzten Zweitliga-Saison rund 900.000 Euro). Warum sollte die Stadt dem Verein an vielen Stellen noch länger finanziell entgegenkommen, wenn der seine zündelnden Fans nicht stoppe? So fragten Lokalpolitiker spitz.

Die Zeit spielt gegen den FC

Soweit absehbar, wird sich dieser Konflikt noch lange, womöglich Jahre hinziehen. Schließlich haben beide Parteien ihre Bereitschaft signalisiert, bis zum bitteren Ende zu prozessieren. Dabei ist aber die strategische Position des FC deutlich schlechter. Was Philipp Türoff von der FC-Geschäftsführung verdeutlichte, als er nun gegenüber WELT klagte, das Verfahren laufe seit so „vielen Jahren. Irgendwann muss doch mal eine Entscheidung stehen, mit der alle Beteiligten arbeiten können!“ Aus FC-Sicht leuchtet das ein. Für den Verein steigt der Handlungsdruck von Jahr zu Jahr. Die Verteidiger der Gleueler Wiese dagegen können mit dem Ist-Zustand hervorragend leben. Sie haben Zeit.